El Presidente Evo zu Besuch!

Nachdem ich zweimal umsonst nach Tarabuco gefahren bin, um den Präsidenten, Evo Morales, zu sehen, erbarmt er sich nun doch noch und kommt sogar zu mir.

„Am Freitag kommt Evo in die Schule, Profe!“, erzählen mir die Kinder begeistert während des Mittagessens. „Du musst unbedingt kommen“, betteln sie. „Natürlich werde ich kommen. Ich will Evo doch schon so lange kennenlernen!“ Drei Tage lang gibt es fast kein anderes Gesprächsthema. Immer wieder fragen mich die Kinder, ob ich auch wirklich in die Schule kommen werde. „Du musst auch unbedingt pünktlich sein, Profe!“, ermahnen sie mich.

Am Freitagmorgen stehe ich also zeitig auf und mache mich schläfrig auf den Weg nach Lajastambo. Als ich mich der Schule nähere, höre ich Sprechchöre „Que viva Evo! (Evo lebe hoch!)“ schreien. Vor der Schule marschiert das Militär auf. Die Soldaten, die fast noch Kinder zu sein scheinen, tragen ihre schönsten Uniformen und halten stolz ihr Bajonett in die Höhe.

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Der Platz vor der Schule ist voller Menschen. Ich sehe ein paar meiner Kinder umherrennen, doch sie sind so aufgeregt, dass sie mich in der Menschenmasse gar nicht erkennen.
„Ob die uns rein lassen?“, frage ich Lena etwas besorgt. Ich sehe Wilson an uns vorbeifegen. „Hola Wilson!“, fange ich ihn ab, „wenn die uns nicht reinlassen, sagst du bitte, dass du aus einem Kinderheim bist und wir deine Erziehungsberechtigten sind, ja?“
Doch alle Sorge ist umsonst. Wir nähern uns dem Schultor und können ohne jegliche Sicherheitskontrollen einfach hineinspazieren. Auf dem Schulhof ist eine kleine Bühne und ein Rednerpult aufgebaut. Evo sitzt keine zwanzig Meter von uns entfernt.
Ich blicke mich um: Es gibt nur eine Handvoll Polizisten, die abgesehen von ihrem Schlagstock kaum bewaffnet sind. Einen Bodyguard kann ich erkennen. Er sitzt direkt hinter Evo, sodass im Falle eines Attentates Evo eigentlich mehr seinen Bodyguard schützt als er ihn. Eine Bank wird mehr beschützt als der Präsident!

Einer unserer Jungs, Jhonny, darf die Begrüßungsrede halten und Evo anschließend die Hand schütteln. Stolz erzählt er mir danach, dass Evo ihn „hijo (Sohn)“ genannt hat.
Evo sitzt auf der Bühne zwischen anderen Parteigenossen und Ministern. Er plaudert mit seinen Sitznachbarn und kichert. Die ganze Athmosphäre ist völlig entspannt. Der Bürgermeister von Sucre, Ivan, trägt die typischen Sandalen aus Autoreifen. Alle Staatsmänner sind sehr schlicht gekleidet. Sie tragen schwarze Hosen und dunkle Pullover. Keiner trägt Hemd und Anzug. Evo putzt sich andauernd die Nase. Es wird ihm ein roter Poncho gebracht und eine Wolldecke, in die er sich einhüllt. Das Staatsoberhaupt sitzt in Decken eingehüllt auf seinem Stuhl und es wirkt fast, als würde er zu Hause gemütlich im Sessel sitzen und fernsehen, währenddessen er seinen Schnupfen auskuriert.

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(Ivan, Oberbürgermeister von Sucre vierter v. l., Evo fünfter v.l. vorne, Esteban, Ministerpräsident von Chuquisaca sechster v. l. vorne)

Nachdem der Bürgermeister Ivan, und der Ministerpräsident von Chuquisaca, Esteban, ihre Reden gehalten haben, kommt Evo zu Wort. Er schlägt vor, den Namen der Schule zu ändern, denn das Colegio ist nach dem Berg Sinai in Ägypten benannt. „Ein wichtiger Schritt der Dekolonialisierung ist die Verwendung von Namen, die bedeutend für Bolivien sind.“ Außerdem verspricht er noch, zehn neue Lehrer einzustellen.
Danach besucht er noch den Computerraum der Schule. Lena und ich drängeln uns durch die Massen und stehen plötzlich nur einen Meter entfernt neben Evo. Ich winke ihm zu und er grüßt zurück. „Es wäre ein Leichtes, jetzt ein Attentat zu verüben. Wir könnten ihm einfach ein Messer in den Bauch rammen“, sage ich etwas entsetzt zu Lena, „Ich verstehe nicht, warum er so wenig beschützt wird. Nicht alle lieben ihn!“

Das Auto, in dem Evo chauffiert wird, ist direkt am Eingang der Schule geparkt. Wir drängeln uns wieder mit den Kindern durch die Massen und kommen Evo so nahe, dass wir ihn fast anfassen können. Er schüttelt den Kindern die Hände und fährt schließlich davon.

Am Ausgang treffe ich auf Zulma, die Mama von Alejandro, ein Kind von meiner Arbeit. „Gestern war Evo auch schon in Lajastambo. Er hat die andere Schule oberhalb vom Markt besucht. Ich habe gestern sogar mit ihm kurz sprechen können“. erzählt sie mir. „Was hast du ihm denn gesagt?“, frage ich sie neugierig. „Ich habe ihm gesagt, dass er die Straßen von Lajastambo asphaltieren und endlich mehr Lehrer in den Schulen hier einstellen soll. Er hat mir versprochen, sich darum zu kümmern“, erzählt sie mir. „Das hast du gut gemacht! Hoffentlich nimmt er es erst! Die Situation in den Schulen von Lajastambo ist eine Katastrophe!“
Es ist erst um 10, sodass ich noch ein bisschen Zeit habe, ehe ich den Mittagstisch vorbereiten muss. Zulma lädt mich zu sich nach Hause ein. Sie schält Kartoffeln und unterrichtet mir währenddessen Quechua. Nach anderthalb Stunden brummt mir der Kopf und ich möchte mich verabschieden, doch sie lässt mich immer mehr Vokabeln notieren. Es macht ihr viel Spaß, mir ihre Muttersprache beizubringen. Ich schreibe ununterbrochen mit und nach fünf vollen Blättern, entlässt mich schließlich meine zielstrebige Lehrerin. „Das wirst du alles auswendig lernen und beim nächsten Mal frage ich dich ab!“ ‚Ach Herrje‘, denke ich, ‚ich bin doch Schule gar nicht mehr gewöhnt und Hausaufgaben bereiten mir Bauchschmerzen…‘ Ich bedanke mich herzlich und versuche, ein paar der neuen Vokabeln anzuwenden. Zulma freut sich sehr und führt mich noch durch ihren kleinen Garten. Sie schenkt mir Zitronenmelisse, Pfefferminze und allerhand Kräuter, die gegen Magenprobleme und Krebs helfen.

Als ich in die Küche des Comedors trete, wo Satunina, unsere Köchin, und Maxima das Mittagessen vorbereiten, krame ich meine Zettel heraus und lese ein paar der neu gelernen Sätze vor. Sie lachen und reden wild auf mich ein. Ich verstehe nicht mal die Hälfte und sage einfach immer: „Ari ari (Ja ja)“. Sie lachen und machen mir Mut: „Quechua ist so einfach. Das wirst du schon noch lernen!“ Sie haben recht, Quecha ist eine sehr einfache Sprache, aber die Wörter haben logischerweise nichts mit europäischen Sprachen zu tun und sind unglaublich lang. Dennoch verliere ich nicht den Mut und freue mich riesig, wenn ich zumindest den Gesprächsinhalt verstehe.

Ein Herz für Jhenifer

Jhenifer hat das Syndrom Turner, welches eine genetische Krankheit und unheilbar ist. Die Betroffenen können in den meisten Fällen ein ganz normales Leben führen. Jhenifers Fall ist ein wenig kompliziert, denn sie hört fast nichts und hat einen angeborenen Herzfehler.
Während der vielen Arztbesuche in so gut wie fast allen Krankenhäusern Sucres, sagen uns die Ärzte immer wieder: „Sie muss dringend operiert werden. Jeden Augenblick kann sie tot umfallen.“ ich überlege nicht lange und frage: „Wann können Sie das Kind operieren?“ „Wenn du 10 000 Dollar hast, dann sofort“, lautet die Antwort.

Zusammen mit der Sozialarbeiterin des SOS Kinderdorfes und dem Chef der Welthungerhilfe suchen wir wochenlang nach Möglichkeiten. Ich hatte mich schon fast mit der traurigen Tatsache abgefunden, dass die Operation in den Sternen steht, als wir eine Ärztin aus La Paz ausfindig machen, die Jhenifer kostenlos operieren will.

Einen Monat später nehmen wir die ungewisse Reise in Angriff. Die Mutter, ihr kleines Baby, Miguel, der gerade mal drei Jahre alt ist, Jhenifer und ich.
Die Kinder sind aufgeregt und zählen die Nächte bis zur großen Reise. Juana, Jhenifers Mama, und ich haben Angst. Alles ist völlig unklar: Wie lange wir bleiben müssen, wo wir übernachten können, wie wir die Reise bezahlen und die Frage, die uns am meisten besorgt, wer wird sich um die anderen drei Kinder von Juana in der Zeit kümmern. Der Ehemann von Juana bleibt zwar in Sucre, doch möchte sie ihm die Kinder nicht anvertrauen, da er unverantwortlich und Alkoholiker ist.
Juana und ich können die Nächte vor der Reise kein Auge zudrücken. Ich ärgere mich, dass ich mir schon wieder so eine große Verantwortung aufgehalst habe, aber es gibt kein Zurück und es ist notwendig…
Tausend Gedanken schwirren in meinem Kopf: ‚Was passiert, wenn das Mädchen während der OP stirbt?‘ … ‚In La Paz ist es zu dieser Jahreszeit bitterkalt und die Kinder haben kaum Anziehsachen‘ … ‚Ich kenne die Stadt kaum und sie ist unheimlich groß‘ … ‚Was machen wir, wenn wir den kleinen Miguel im Chaos der Großstadt verlieren? – Er ist so schwer zu bändigen‘ … ‚Was ist, wenn sie uns überfallen? – Ich habe so viel Bargeld dabei‘ …

Am Tag der Reise fügen sich die Sachen wie durch ein Wunder. Das SOS Kinderdorf verspricht uns eine Unterkunft, in der wir erstmal bleiben können.

Am Sonntagabend steige ich mit den drei Kindern und Juana in den Bus. Ich bin erstaunlicherweise völlig ruhig, obwohl ich davon ausgehe, dass alles schief gehen wird…

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Die nächtliche Busfahrt überstehen wir, bis auf einen kleinen Zwischenfall – das Baby muss sich übergeben, gut. Wir steigen aus und finden uns in der hektischen Großstadt nur schwer zurecht. Doch zum Glück sind die Leute in La Paz sehr hilfsbereit und erklären uns, wie wir ans andere Ende der Stadt, wo die Herberge des SOS ist, kommen. Als wir auf den richtigen Bus warten, kommt ein Mann auf uns zu und drückt dem kleinen Miguel einen Peso in die Hand: „Damit du dir etwas Süßes kaufen kannst.“ Juana und mir bleibt der Mund offen stehen. Solche Solidarität sind wir nicht gewöhnt.

Wir fahren fast zwei Stunden immer tiefer ins Tal hinein, bis wir endlich an der südlichen Stadtgrenze von La Paz ankommen.
Franz, der Hausmeister, empfängt uns sehr herzlich. Juana und ich wundern uns schon wieder über so viel Glück: Wir hatten beide mit einem Zimmer, in dem es nur Betten gibt, gerechnet. Stattdessen wird uns eine Ferienwohnung mit Bad, Küche, Wohnzimmer und zwei Schlafzimmern angeboten. Jhenifer ruft begeistert: „Wir holen meine Geschwister nach und bleiben hier für immer! Du wirst mit uns wohnen, Profe!“

Wir legen unsere Sachen ab und machen uns wieder auf eine Weltreise durch das chaotische La Paz. Gott sei Dank gibt es GoogleMaps! Ohne mein Smartphone wäre unser Überleben in La Paz unmöglich…
Wir finden schließlich die Straße, doch nirgends gibt es eine Klinik. Wir fragen herum und die Leute sagen uns, dass die Herzklinik umgezogen sei, aber keiner wisse wohin… ‚Ohje‘, denke ich, ‚was tun wir jetzt?‘
Doch das Glück lässt uns heute nicht im Stich und wir finden die kleine unscheinbare Klinik doch noch. Als wir eintreten, bekomme ich einen Kulturschock: Sie sieht aus, wie eine Kinderarztpraxis in Deutschland – Die Wände sind bunt und im Wartebereich gibt es Spielzeug. Nie zuvor habe ich so etwas in Bolivien gesehen. Die Kinder machen sich begeistert über die Spielsachen her und verwüsten gleich erstmal das Wartezimmer.
Die Sprechstundenhilfe erklärt uns, dass wir warten müssen, denn die Ärztin sei in einer Besprechung. ‚Okay, der Klassiker‘, denke ich und richte mich schon mal darauf ein, einige Stunden mit Warten zu verbringen.
Nach ungefähr fünf Minuten begrüßt uns die Ärztin und winkt uns in ihr Arztzimmer hinein. Ich bin fassungslos. So unkompliziert ging noch nie ein Arztbesuch in Bolivien vonstatten.
Die Ärztin ist sehr freundlich und wirkt sehr kompetent. Sie untersucht Jhenifer lange, bis sie plötzlich die Kleine hinausschickt. Ich bin vorbereitet auf jegliche schrecklichen Nachrichten. Die Ärztin erklärt uns alles in ganz einfachen Worten, sodass Juana und ich auch alles verstehen: Eine der Herzklappen öffnet sich nicht richtig. Die Operation kann über eine Oberschenkelvene realisiert werden. Das heißt, dass Jhenifers Brustkorb nicht geöffnet werden muss. Mir kommen die Tränen vor Erleichterung. Das Risiko der OP ist relativ gering und auch die Erholungszeit danach. „Wir rufen euch an, wenn wir den genauen Termin wissen. Ihr könnt also heute Abend noch zurück nach Sucre fahren“, sagt uns die Ärztin. „Es gibt eine lange Warteliste, aber in eurem Fall werden wir euch vorziehen.“ Juana lacht vor Erleichterung und ich kann nur mit Mühe und Not die Tränen zurückhalten.
Die Ärztin spricht mich plötzlich auf deutsch an. Sie erzählt mir, dass sie die Enkelin jüdischer Flüchtlinge ist und ihren Facharzt in Deutschland gemacht hat.
Als wir die Klinik verlassen, sagt uns die Sprechstundenhilfe: „Eigentlich kostet die Untersuchung 200 Bs. Aber die Ärztin will von euch kein Geld.“ Ich würde ihr am liebsten um den Hals fallen für so viel Solidarität.

Wir gehen auf dem Markt Mittag essen und als hätten wir heute noch nicht genug Nächstenliebe empfangen, tritt plötzlich ein Mann an mich heran und sagt: „Ich möchte dir zehn Pesos für diese arme Frau geben.“ Wieder bleibt uns der Mund offen stehen…

Noch in der selben Nacht fahren wir zurück nach Sucre. Der nette Hausmeister versichert uns, dass er uns beim nächsten Mal wieder in dieser Wohnung unterbringen wird.

Noch nie hatte ich so viel Angst vor einer Reise und doch ist dieser Tag in La Paz einer der schönsten während meiner zweijährigen Arbeit als Freiwillige.

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Ya no mas wawitas!

In den Stadtrandbezirken und auf dem Land wissen die meisten Mädchen und Frauen nichts über sexuelle Aufklärung und Familienplanung. Viele werden sehr jung schwanger und können daher die Schule nicht zu Ende bringen, was sie widerrum daran hindert, einen Beruf zu erlernen und sie als Hausfrau von ihrem Mann komplett abhängig macht. Die gänzige Abhängigkeit macht leider häusliche Gewalt und Vergewaltigungen durch den eigenen Ehemann möglich. Es wird oft als eine unveränderbare Normalität angesehen.

Als ich noch in Lajastambo wohnte, erzählte mir meine Nachbarin, die damals erst 19 Jahre alt war, dass sie zum dritten Mal schwanger sei. Ihre ältere Tochter war bereits fünf Jahre alt, auf dem Rücken trug sie einen kleinen Säugling und im Bauch bereits den nächsten. So ist es keine Seltenheit, dass Frauen mit Anfang Dreißig schon sechs oder sieben Kinder haben.

Immer wieder versuche ich, die Mütter aus unserem Projekt, für Verhütung zu begeistern. Immer wieder bleibt es erfolglos, selbst wenn die Frauen zustimmen, denn Verhütung wird vor allem von den Männern abgelehnt, da angeblich nur Prostituierte sich vor Schwangerschaften schützen. Wenn eine Frau sich sterilisieren oder ein Hormonimplantat einsetzen lassen möchte, muss der Ehemann eine Einverständniserkärung unterschreiben und daran scheitert es in den meisten Fällen. In Bolivien darf eine Frau immer noch nicht selbstständig über ihren eigenen Körper entscheiden.

Doch endlich kann ich Cristina, Mutter von sechs Kindern und gerade erstmal Mitte Dreißig, überzeugen, keine weiteren Kinder mehr in die Welt zu setzen. Am meisten leuchtet ihr mein Argument ein, dass die Kinder bereits unterernährt sind und am Nachmittag nach Schulschluss arbeiten müssen, um die Familie zu ernähren. „Die ganze Situation wird sich nur noch verschlechtern, wenn ihr noch ein zusätzliches Mäulchen füttern müsst“, rede ich auf sie ein. Selbst ihr Ehemann stimmt dem zu und verspricht mir, eine Einverständniserklärung zu unterschreiben.

Damit die Sterilisierung kostenlos durchgeführt werden kann, benötigen wir eine Unterschrift des Arztes des Gesundheitszentrums von Lajastambo. Um acht Uhr früh treffen wir uns in dem Gesundheitszentrum, dessen Hof bereits so voll ist, dass wir Mühe haben überhaupt durch das Gitter einzutreten. Die Schlange vor der Praxis ist unglaublich lang. „Die werden uns hier niemals dran nehmen“, sage ich entgeistert. „Doch!“, antwortet mir Cristina und drängelt sich einfach in den vorderen Teil der Schlange. So schaffen wir es einen Zettel mit einer Nummer zu ergattern. Es werden nur fünfzehn Zettelchen mit Nummern vergeben. Alle, die es nicht geschafft haben, einen davon abzubekommen, müssen am nächsten Tag erneut ihr Glück versuchen.
Wir müssen fünf Stunden warten, bis unsere Nummer endlich aufgerufen wird. Während der langen Wartezeit erzählen mir andere Patienten, dass sie vor den Gittern des Gesundheitszentrums übernachtet haben, um am Morgen ein Zettelchen zu bekommen. Ich fühle mich schlecht, weil wir uns in der Schlange vorgedrängelt haben.

Nach fünf Stunden werden wir endlich aufgerufen und der Arzt unterschreibt uns das nötige Formular. Ich unterhalte mich kurz mit ihm und er erzählt mir, dass sie vor ein paar Jahren noch zu dritt im Gesundheitszentrum gearbeitet haben. Jetzt ist er allein für den ganzen Bezirk Lajastambo zuständig. „Die Gelder werden einfach gestrichen und die Ärzte müssen als Taxifahrer sich ihr tägliches Brot verdienen“, erklärt er mir verärgert.

Es mangelt in den Krankenhäusern und in den Gesundheitszentren an Ärzten. Die Gesundheitsversorgung ist in ganz Bolivien – abgesehen von Privatkliniken – eine entsetzliche Katastrophe. Und trotzdem findet man, wo man hinsieht, arbeitslose Ärzt*innen und Krankenpfleger*innen.
Den selben Missstand findet man im Bildungswesen wieder: Lehramtstudent*innen haben Schwierigkeiten, einen Job nach Abschluss der Universität zu finden, obwohl es zu wenige Schulen gibt, um alle Kinder unterzubringen und die Klassen mit 40 Schüler*innen hoffnungslos überfüllt sind. Auch da heißt es, wer kein Geld hat und seinen Kindern keine Ausbildung an privaten Einrichtungen ermöglichen kann, muss am Anfang des neuen Schuljahres die Nächte vor den Gittern der Schulen verbringen, um am Morgen vorne in der Schlange einen Platz zu ergattern, denn die Plätze für Schulbildung sind begrenzt.

Nachdem wir nun endlich die Unterschrift haben, heißt es erneut stundenlang warten im Krankenhaus von Lajastambo. Damit Cristina sterilisiert werden kann, müssen im Vorhinein Untersuchungen durchgeführt werden. Eine ganze Woche verbringen wir im Krankenhaus mit Schlange stehen, Warten und kurzen Untersuchungen. Es kommt vor, dass wir einen ganzen Tag für einen Stempel oder eine Unterschrift Schlange stehen müssen. Im Flur des Krankenhauses läuft der Fernseher. Zwischen Disney-Filmen und Seifenopern wird immer wieder die Propaganda des Gesundheitsministeriums abgespielt: „El derecho a la salud – Una realidad en Chuquisaca! (Das Recht auf Gesundheit – Eine Realität in Chuquisaca!)“

Nachdem wir alle Voruntersuchungen durchgeführt haben, bekommen wir endlich ein Gespräch mit dem zuständigen Arzt. Der Arzt wirft mit Fachwörtern um sich herum und Cristina, die kaum spanisch spricht, versteht nichts. Ich bitte den Arzt, es in Quechua zu erklären, doch er sagt nur mürrisch: „Ich spreche kein Quechua.“ So muss ich als Ausländerin zwischen zwei Bolivianern übersetzen. Die Situation verbildlicht die unglaublich große Distanz zwischen den sozialen Klassen.
Der Arzt erklärt mir, dass noch eine Untersuchung fehlt. Es wäre auch zu schön gewesen… Crisina muss auf Gebärmutterhalskrebs geprüft werden. „Wir führen diese Untersuchung nicht mehr durch“, erklärt mir der Arzt.
„Man muss immer weinen, sonst machen die Ärzte gar nichts“, hatte mir mal jemand geraten. Also grabe ich mein kaum vorhandendes Schauspieltalent aus und fange an, den Arzt voll zu jammern. Es funktioniert! Fünf Minuten später drückt er mir die Probe in die Hand. Ich fahre in die Stadt in ein anderes Krankenhaus, um sie dort im Labor abzugeben. „Wir führen diese Untersuchung hier nicht mehr durch“, wird mir auch dort gesagt. Ich versuche wieder mein Glück mit den Tränen, doch bleibt der Krankenpfleger hart. Also renne ich in das nächste Krankenhaus. Als ich dort ankomme, sagen mir die Krankenschwestern im dortigen Labor, dass sie die Probe auf Gebärmutterhalskrebs zwar durchführen, aber heute nicht mehr, denn es war bereits kurz nach 18 Uhr.
Also muss ich am nächsten Morgen erneut mein Glück versuchen. ‚Jetzt endlich!‘, denke ich voller Hoffnung. „Der Stempel fehlt auf dem Zettel“, sagt mir die Krankenschwester trocken. Wieder bedarf es meinem Schauspieltalent, doch die Pflegerin sagt trocken: „Ohne diesen Stempel machen wir gar nichts!“ Mir bleibt nichts anderes übrig, als einmal quer durch Sucre zu fahren, um das Formular im Krankenhaus von Lajastambo stempeln zu lassen.
Zwei Stunden später stehe ich wieder derselben Krankenschwester gegenüber, diesmal mit voller Gewissheit, dass nichts mehr schief gehen kann. „Geben Sie mir bitte den Ausweis der Senora.“ Mir bleibt der Mund offen stehen. „Die Senora ist in Lajastambo. Ich bin da gerade hin gefahren wegen des Stempels. Warum haben Sie mir nichts gesagt?! Wenn ich da jetzt nochmal hinfahre, bin ich insgesamt vier Stunden unterwegs nur wegen dieses unsinnigen Bürokratiekrams“, meckere ich die Pflegerin voll. Tränen scheinen ja nicht zu helfen, also versuche ich es mal auf die härtere Weise und tatsächlich sieht sie darüber hinweg und nimmt endlich die Probe entgegen. Nun heißt es nur noch warten, denn auch im Labor mangelt es an Arbeitskräften.

Nach insgesamt anderthalb Wochen sind wir endlich soweit und Cristina bekommt ein Bett im Krankenhaus von Lajastambo zugewiesen. Völlig erschöpft nach diesen Tagen fahre ich nach Hause. Plötzlich ruft mich der Ehemann von Cristina an und erklärt mir, dass sie nach Hause gehen wollen, denn sie hätten zu große Angst vor dem Eingriff. Ich bin entsetzt: Anderthalb Wochen Rennerei und nervenzerreißendes Warten soll nun umsonst gewesen sein?! Ich rede auf den Mann ein und glücklicherweise kann ich ihn doch noch überzeugen. Wir müssen einen ganzen Tag auf die Sterilisierung warten, denn der zuständige Arzt ist überlastet. Ich bekomme ununterbrochen Anrufe von Cristina oder ihrem Mann, doch Gott sei Dank kann ich sie immer wieder beruhigen und davon überzeugen, das Krankenhaus nicht vor dem Eingriff zu verlassen und schließlich wird Cristina sterilisiert. Sie übersteht den kleinen Eingriff problemlos.

Zeichen setzen

Endlich finde ich Zeit und Muse, mein lang ersehntes Vorhaben endlich mal zu verwirklichen…
Am 21. März, dem Tag des Herbstanfanges in Bolivien, lasse ich mir das Symbol Intikilla auf die linke Schulter tättoowieren. Zwei Wochen später, am 3. April, lasse ich mir auf meinem rechten Arm das Symbol Chacana in sieben verschiedenen Ausführungen auf der Haut verewigen. Beides sind Symbole aus der Andenhochkultur der Incas und haben eine sehr breite Bedeutung.
Für mich persönlich symbolisieren sie meine wunderschöne Zeit in Sucre, die mich so sehr geprägt hat und es auch noch tut. Schon damals, als ich am Busterminal in Sucre ankam, habe ich gespührt, dass ein großer Teil von mir hierher gehört.

Gestaffelte Abschiede

Wie schnell die Zeit vergeht… Die zwei Monate zusammen mit meiner Cousine sind wie im Flug vergangen. Für Tini heißt es nun erstmal noch zwei Wochen Arbeit auf Bauernhöfen in Chile und dann das Antreten der Heimreise.
Zum Abschied gehen wir vier, die zwei Cousin- bzw. Cousinenpärchen, im Semental, wo man das beste Steak von Sucre bekommt, gemeinsam essen.
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Wir drei Mädels brunchen noch einmal auf der Terrasse, wie es sich nach unserer sonntäglichen Tradition gehört… Die Mädels machen sogar Crêpes 🙂
2
… Und dann werden auch schon fleißig Koffer gepackt. Ich räume mein Zimmer auf und suche alles raus, was unbedingt mit nach Deutschland muss, um es Tini mitzugeben. So kann ich dann bei meiner Abreise Platz für Souvenirs freihalten.
„Kannst du mal kurz rüber kommen, es ist so schwer“, rufe ich über den Balkon. Als Antwort höre ich Rebeca und Tini kichern. „Wie soll ich denn das dann durch Chile schleppen?!“, meint Tini entgeistert. Daran hatte ich gar nicht gedacht… Ich muss also aussortieren, doch viel leichter wird es trotzdem nicht…

Nachdem Tini in den Bus gestiegen ist, verabschieden wir auch schon Jonas.
Rebeca und ich laufen den steilsten Berg Sucres hinauf nach Munaypata, wo Jonas bei seinem Vater wohnt. Wir stehen auf dem Dach und warten darauf, dass das Teewasser kocht. Vom Dach aus schauen wir zu den Nachbarn hinüber, die gerade in riesigen Töpfen auf einem großen Feuer Fleich, Mais und Kartoffeln kochen. Beim Anblick des fettigen Fleisches sag ich erleichtert zu Rebeca: „Bloß gut, dass wir sowas nicht essen müssen!“
4.1
Rebeca und ich sitzen in der Küche, als Jonas hereinkommt, der auf dem Dach noch Wäsche aufgehangen hat. Mit einem ironischen Lachen meint er: „Die Nachbarn wollen uns zum Essen einladen.“ Ohje… Solche Herzlichkeit darf man natürlich nicht zurückweisen.
Uns werden die Teller voll bepackt und guten Mutes machen wir uns an die Arbeit. „Ich kann das nicht runter bekommen. Sogar die Kartoffeln sind in diesem Fett von dem Fleisch gebraten“, stöhnt Rebeca. Jonas isst am mutigsten. In einem Moment, wo hoffentlich keiner hingesehen hat, tauschen Rebeca und Jonas die Teller… Ich esse, ohne auf meinen Teller zu schauen, und stelle mir einfach ein leckeres Steak mit Bratkartoffeln vor. Wir haben es fast geschafft, da haut uns der Mann die Teller auch schon wieder voll. Ich kann mir das verzweifelte Lachen nur kaum verkneifen und Rebeca und Jonas übermalen ihren Eckel mit einem Grinsen.

Diesmal sind es zwei ganz besondere Happen: Eine Fettsparte und Blutwurst. „Die Blutwurst haben wir mit Minze gemacht“, lächelt mich der Mann stolz an. „Oh ja schmeckt super“, sage ich gequält und schaue auf das Etwas auf meinem Teller, dass eher aussieht als hätte jemand Magenprobleme gehabt. „Naja es ist ja auch nur gekochtes Blut“, rede ich mir gut zu und esse mit geschlossenen Augen, denn der Anblick ist unerträglich.
Als wir es endlich geschafft haben, verabschieden wir uns herzlich. „Wir kochen jeden Sonntag so groß, ihr könnt bald mal wieder kommen!“ „Natürlich! Es war wirklich sehr lecker“, bedanken wir uns und dann nichts wie raus, nicht dass uns noch eine Fettsparte zugeschoben wird…
„Wie konntest du nur so mutig sein und das alles essen?“, fragt mich Rebeca verwundert. „Weiß ich nicht, aber es ist ja jetzt zum Glück vorbei!“
Nachdem wir dieses Abenteuer halbwegs überstanden haben, können wir nun doch endlich noch unseren Tee trinken.
Rebeca und ich laufen durch die dunkle Nacht den Berg hinuter zu unserem Haus. Kurz vor unserer Haustür sehe ich plötzlich wie eine Horde Hunde Zähne fletschend aus einer Hofeinfahrt direkt auf uns zu rennt. „Rebeca!“, rufe ich ängstlich, doch als ich mich umdrehe, sehe ich sie bereits rennen. Wir nehmen die Beine in die Hand und rennen so schnell, wie wir können. Die Hunde sind dicht an meinen Waden. Ich warte nur darauf, dass sich ihre Zähne in meinen Beinen festbeißen. Doch Gott sei Dank sind wir schneller als die Hunde und können sie abhängen.
Tagsüber sind sie die niedlichsten Wesen der Welt, doch sobald die Sonne untergegangen ist, verwandeln sie sich in Bestien. Ich bin ein usgezeichneter Hundeliebhaber und hatte nie Angst. Doch nachdem ich nun schon zweimal gebissen wurde, bin ich ein bisschen vorsichtiger geworden und streichel nicht mehr jeden Straßenhund.

Nun sind wir nur noch zu zweit und auch von Rebeca muss ich mich bald verabschieden, doch bleibt uns noch ein bisschen Zeit und wir unternehmen viel.


So fahren wir nach Tarabuco. Jedes Jahr ist am Sonntag nach Karneval in Tarabuco, einem Dorf in der Nähe Sucres, ein großes Fest, zu dem die ganze Parteielite Boliviens und sogar der Präsident kommen.
Am Abend gibt es in der Turnhalle von Tarabuco ein großes Konzert, zu dem viele berühmte Gruppen wie die Masis und die Söhne von den Kjarkas auftreten.
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Wir versuchen eine Flasche Vodka mit in die Halle zu schuggeln, doch schafft sie es nicht durch die Polizeikontrolle. „Nach dem Konzert kannst du dir die Flasche wieder abholen“, sagt mir der Polizist.
Hinter uns sitzt eine Gruppe, die sich mächtig betrinkt. „Die sind bestimmt von der Partei, deswegen durften die den Alkohol mit rein nehmen“, meint Lucas etwas verärgert.
Nachdem das Konzert spät in der Nacht zu Ende ist, suchen wir unseren Vodka, der spurlos verschwunden ist. Die Polizisten reden sich raus und tischen uns Ausreden auf. „Ist doch wohl klar, dass die den getrunken haben!“, regt sich Lucas auf. Doch ohne groß rumzudiskutieren, gehen wir lieber, denn Polizisten sollte man nicht widersprechen. „Nicht dass wir die Nacht in der Zelle verbringen müssen“, meint Lucas.
Wir übernachten bei einem Freund von Lucas, Pio, der in Tarabuco ein halbfertiges Haus hat. Wir zelten in einem Raum, denn es ist eine bitterkalte Nacht und wir wollen außerdem lieber mal den Chagas vorbeugen.
5.2
Wir schlafen wenig diese Nacht, denn am Morgen beginnt schon zeitig das Fest. Pio tanzt Pujillay, so wie es die Tradition an diesem Tag will.


Immer wieder schauen wir zur Tribüne, doch Evo ist nirgendswo zu erblicken. Wir fragen die Polizisten, die uns erzählen, dass der Präsident aus gesundheitlichen Gründen auf Kuba ist. Es ist wirklich eine Ironie! Letztes Jahr habe ich Evo um eine halbe Stunde verpasst und dieses Jahr ist er krank und kommt gar nicht erst. Na ja aber wir haben immerhin die Spitze von Sucre der MAS gesehen. Ich bin überrascht, wie wenige Sicherheitsvorkehrungen vollzogen werden. Die Staatsoberhäupte und Parteichefs sitzen auf der Tribüne zum Anfassen nah fast ohne Polizei.
5.5

Auf dem Weg nach Tarabuco haben Rebeca und ich in der Innenstadt Zettel mit der Aufschrift „Se regalan gatitos (Kätzchen zu verschenken)“ aufgehängt. Entgegen unserer Erwartungen melden sich tatsächlich viele, die einen meiner Enkelchen aufnehmen wollen. Einerseits bin ich erleichtert, denn ich kann den Geruch von Katzenpippi nicht mehr ertragen und auch haben sich sieben Katzen im Geldbeutel bemerkbar gemacht, doch ist es ein schmerzlicher Abschied. Zusammen mit Rebeca bringe ich die Katzen zu ihren neuen Familien. Die Kleinen lassen sich einfach transportieren, doch Che müssen wir leider in einer Tüte durch die Stadt tragen… Die Katze im Sack, wie es so schön heißt… 😉


Wir verbringen viel Zeit zu dritt – Rebeca, Lucas und ich. Da der Herbst in Sucre nun langsam einfällt, sind fast alle ein wenig erkältet. Da Schnaps bekanntlich gegen Halzschmerzen helfen soll, kaufen wir uns Tres Plumas. Auf einmal sagt Lucas: „Ich finde es schön, dass ihr so vernünftige Menschen seid.“ Rebeca und ich, die Schnapsflasche in der Hand, müssen lachen. „Ja, ziemlich vernünftig sind wir…“
An einem sonnigen Samstag steigen wir auf einen der Hausberge Sucres, der Cerro Churuquella. Lucas, der immer Coca kaut, meint zu uns: „Nehmt auch mal ein bisschen Coca wegen der Höhe.“ „Ist das denn höher als La Paz?“, fragt Rebeca erstaunt. Wir müssen lachen, denn der Berg ist nur ungefähr 3000 Meter hoch.
8.1
Lucas spricht fließend deutsch, denn er hat ungefähr 15 Jahre in Deutschland gelebt, als Rebeca klein war. Er erzählt uns viele Geschichten und wir können kaum aufhören, zu lachen. Wenn man auf einer Fremdsprache redet, kommt es schon mal vor, dass man zwei Wörter, die sich ähneln verwechselt. Lucas zeigt mir einen Pflanzensamen, den er vom Wegesrand aufgesammelt hat: „Aus dem Samen wird eine Wurst.“ „Eine Wurst?“, fragt Rebeca stirnrunzeld. „Eine W-U-RRR-ZZZ-EEE-LLL!!!“
Lucas erkundigt sich über den Verbleib meiner Katzen und meint: „Du hättest sie schlachten müssen, denn es ist schmerzhalft für sie, wenn sie den Besitzer wechseln müssen.“ „Ich kann die Katzen doch nicht essen! Das geht doch nicht!“, protestiere ich. „Doch, Katzenfleisch ist lecker. Frag mal Jonas, wir haben einmal eine geschlachtet.“ Ich erkläre Lucas, dass ich das aus moralischen Gründen nicht über’s Herz bringen könnte. Doch er meint nur trocken: „In China essen die sogar ihre Kinder.“ „So ein Quatsch!“, lachen Rebeca und ich. „Doch doch, die braten die. Kochen tut man Babys nicht.“ Lucas und seine Geschichten erheitern uns den etwas anstrengenden Aufstieg auf den Berg. Oben angekommen bittet Rebeca Lucas uns zu fotografieren und hält ihm ihr Handy hin. „Ich weiß doch gar nicht, wie diese Maschine funktioniert“, sagt Lucas etwas hilflos und dann hören wir es auch schon pausenlos klicken… Wir können uns das Kichern nicht verkneifen und unser Lachanfall wird durch die „Maschine“ verewigt.
8.2
Rebeca hat zwar als Kind fließend spanisch gesprochen, da sie bis zu ihrem sechsten Lebensjahr in Sucre gewohnt hat, doch scheint sie es größtenteils verlernt zu haben. Mit ihrem Vater spricht sie deutsch. Ab und zu fragt sie ihn nach einigen Redewendungen oder Worten. „Schön, dich kennengelernt zu haben“, will sie von ihm die spanische Übersetzung hören. Lucas‘ Anwort ist ein trockenes „Ja“. Wir lachen bis uns der Bauch weh tut. Verwundert schaut Lucas uns an. „Ich wollte doch die Übersetzung wissen!“, lacht Rebeca.
Nachdem wir vom Berg wieder herunter sind, schauen wir uns noch das Kinderheim, in welchem Lucas und Marianno, Jonas Vater, aufgewachsen sind. Es ist direkt an der Recoleta und besteht bis heute.
8.3

Rebeca begleitet ich ins Musuq Sunqu. Die Kinder lieben sie auf Anhieb, denn sie ist eine sehr gute Sozialarbeiterin. Sie hatte gerade ihr Studium abgeschlossen, bevor sie nach Sucre kam. Ich bin ihr sehr dankbar über ihre Hilfe. Außerdem kann ich viel von ihr lernen.


Überraschend bekommt das Musuq Besuch: Eine große ältere Dame auf einen Spazierstock gelehnt erscheint plötzlich in der Tür. Es ist Karen Hochmann. Frau Hochmann lebt seit über 50 Jahren in Sucre und ist durch ihre entwicklungspolitische Arbeit in der ganzen Stadt berühmt. Sie hat vor ca. 20 Jahren das CEMVA mit Hilfe von deutschen Spenden aufgebaut. Ihr Besuch ehrt uns sehr, denn er ist ein Freundschaftsantrag zwischen den beiden Projekten, die eigentlich miteinander im Streit waren. Es war immer mein Anstreben gewesen, dass die zwei Projekte miteinander kooperieren und das junge Projekt Musuq Sunqu von der großen Schwester CEMVA lernt. Doch leider war dies mit dem alten Personal nicht möglich. Doch nun mit der neuen fähigen Direktorin scheint sich mein Wunsch endlich zu erfüllen.

9.2.

Am Sonntag landet Kamil, Rebecas Mann, in Sucre. Einerseits freue ich mich sehr, ihn nach so vielen Erzählungen Rebecas nun endlich kennenlernen zu können, doch rückt seine Ankunft Rebecas Abreise näher.
10
Wir besuchen Rebecas Onkel Jaime und seine Familie.

Am Montag nehme ich mir halbtags frei und wir wandern zu den Siete Cascadas (Sieben Wasserfälle) am Stadtrand von Sucre. Wie immer haben wir viel Spaß und albern rum.

Am Abend gehen wir noch einmal ins Semental und genießen Steaks, fast so zart wie in Argentinien.
12.5

Am Dienstag ist nun leider soweit: Rebeca und Kamil steigen in den Bus Richtig Villazon, wo sie die argentinische Grenze überqueren. Von dort aus geht es weiter zu den Iguazú-Wasserfällen und schließlich mit einem geliehenen Wohnmobil durch Patagonien.
Natürlich endet unsere gemeinsame Zeit mit einem Lachanfall, wie könnte es auch anders sein. Lucas erzählt mir aufgebracht: „Wir haben heute ganze zwei Stunden gewartet!“ „Auf was denn?“, frage ich neugierig. „Auf das Wetter“, antwortet er beiläufig.
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Leider bleibe ich nun wieder alleine zurück in Sucre. Doch fehlt nicht mehr viel, bis wir uns alle wiedersehen. Die gegenseitigen Besuche sind schon geplant. 🙂

Carnaval ohne Wasserschlachten

Normalerweise bleibt man im Monat Februar keine fünf Minuten trocken, wenn man das Haus verlässt. ÜBerall lauern Kinder mit Wasserbomben.
Doch nicht so dieses Jahr. Die Regierung hat den Notstand auf Grund des ausbleibenden Regens ausgerufen. Die Regenzeit blieb zwar Gott sei Dank nicht komplett aus, doch verspätete sie sich um ungefähr einen Monat.
Im Februar gibt es bereits wieder Wasser, doch bleibt das Verbot, mit Wasser zu spielen, erhalten. Alle Städte halten sich daran außer Sucre. In der Hauptstadt ist es im Vergleich zum letzten Jahr wesentlich ruhiger, doch kann man sich den Spaß der Wasserschlachten nicht entgehen lassen. Auch im Musuq lassen wir den Kindern ihren Spaß und sie haben große Freude daran, mir einen 10-Liter-Eimer über den Latz zu kippen. Einen Montagnachmittag füllen wir Luftballons mit Wasser und gönnen uns mit den Kindern eine Schlacht auf dem Sportplatz.

Am 25. Februar fahren Tini und ich zur großen Entrada nach Oruro. Alle Hostels sind bereits Wochen im Vorraus ausgebucht, denn der Karneval von Oruro ist die größte Touristenattraktion Boliviens und besitzt sogar den Titel des Weltkulturerbes.
Wir fahren also auf gut Glück hin und planen die Nacht einfach durch zu machen oder notfalls auf dem Busterminal zu verbringen.
Früh um sechs Uhr steigen wir aus dem Bus. Es ist kalt, regnet und der Himmel ist komplett Wolken verhangen – Nicht gerade das beste Karnevalswetter. Naja was soll’s wir sind ja gut ausgestattet.

Wir trinken ganz viel heißen Kaffee, um uns aufzuwärmen und uns bei Laune zu halten. Am Nachmittag werde ich zum ersten Mal müde und wir beschließen nun von Kaffee auf Alkohol umzusteigen. Das ist auch gar kein Problem, denn unsere Sitznachbarn füllen uns mit Begeisterung großzügig ab.


Am späten Abend mache ich den Fehler, mit dem Trinken aufzuhören und merke plötzlich die letzte Nacht, die wir nicht besonders bequem im Bus verbracht haben. Noch eine Nacht durchmachen? Naja wir sind ja nicht mehr die jüngsten… 😉 Also beschließen wir gegen Mitternacht nach Potosí zu fahren, wo wir früh um fünf ankommen und völlig übermüdet auf den nächsten Bus nach Sucre warten. Den Karnevalssonntag verschlafen wir komplett.
Montag und Dienstag haben wir noch frei, denn das ganze Land muss sich von dem großen Fest erst einmal erholen… Und so beschließen Tini und ich die zwei Hausberge Sucres, den Cerro Sica Sica und den Cerro Churuquella, zu besteigen.

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Auf dem Weg zum Cerro Sica Sica treffen wir auf ein kleines Straßenfest. Wir tanzen eine Weile mit, müssen uns dann aber verabschieden, denn schließlich warten ja die zwei Berge noch auf uns…
Der Aufstieg wird uns durch verschiedene Musikgruppen, die unter uns in der Stadt spielen, versüßt. Doch am obersten Punkt angekommen, machen wir schnell wieder kehrt, denn der Berg wimmelt nur so von Strommasten und elektrischen Leitungen. Man hat das Gefühl, als würde einem der Kopf platzen.

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Auf dem Weg hin zum zweiten Berg stehen Familien und Jugendliche in ihren Hauseingängen und machen sich einen riesen Spaß draus, uns mit Wasserbomben abzuwerfen. Wir rennen lachend die Straße herunter, was uns aber kaum trocken hält.
Am Fuße Cerro Churuquella machen wir eine gemütliche Pause an der Recoleta und genießen die Aussicht auf die Stadt, währenddessen wir in der Sonne ein bisschen trocknen. Leider hat eine Gruppe Polizisten die gleiche Idee und wir kippen vorsichtshalber das Bier aus, denn es ist in Bolivien verboten, in der Öffentlichkeit zu trinken und wenn man erwischt wird, kommt man erstmal acht Stunden in den Knast. Trotz des strengen Verbots ist Alkoholismus leider eine sehr weit verbreitete Krankheit in Bolivien.

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Als wir vom Cerro Churuquella hinunter spazieren, ist bereits die Dunkelheit eingebrochen. Jedes Mal auf’s Neue fasziniert mich der Blick auf die vielen Lichter, die wie Sterne im großen Meer der Schwärze aufblitzen.

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Neues Jahr – neues Glück

Anfang Februar macht das Musuq endlich wieder auf. Doch gleicht nichts mehr dem alten…
Da die Miete zu teuer geworden ist, ziehen wir um. Nur eine Ecke weiter, doch haben wir nun wesentlich mehr Räumlichkeiten als vorher: Einen großen Speisesaal, eine Speisekammer direkt neben der Küche und ein Cuarto de Trabaja (Arbeitszimmer), in dem wir verschiedene Aktivitäten mit den Kindern durchführen und ein kleines Büro eingerichtet haben.

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Auf Grund von einigen Schwierigkeiten und mangelndem Geld kann abgesehen von Profe Jhenny das alte Personal nicht mehr eingestellt werden. Profe Jhenny und die neue Köchin sind die einzigen, die gegen Bezahlung arbeiten. Das restliche Personal besteht nur aus Freiwilligen. Nichts desto trotz ist das Musuq von 45 auf 65 Kinder gewachsen.
Ich übernehme für den Monat Februar die Leitung. Die neue Verantwortung macht mir einerseits riesen Spaß, doch ist es auch eine sehr große Herausforderung, die mich manchmal ganz schön überfordert. Doch zum Glück erfahre ich viel Unterstützung vor allem von Rolf.
Wenn meine Cousine nicht gerade mit den Bauplänen des neuen Gesundheitszentrums in Villa Armonia beschäftigt ist, kommt sie im Musuq helfen.

Tini und ich helfen in der Küche und schneiden Papaya für den Nachtisch. Wir müssen uns beide zurückhalten, um nicht zu naschen. Wir könnten locker die drei Papayas wegfuttern, die für 65 Kinder gedacht sind… „Ich wäre eine schlechte Köchin“, gibt Tini zu, „ich würde einfach nur fett werden.“


Beim Vesper am Nachmittag, bevor die Kinder nach Hause gehen, werden normalerweise die Reste des Obsts, welche beim Mittagessen übrig geblieben ist, zu Saft oder Limonade verarbeitet. Dazu gibt es gewöhnlich ein Brot dazu für jedes Kind.
Zum Mittag habe ich jedem Kind als Nachtisch eine Lima (Zitrusfrucht) ausgeteilt. Am Nachmittag gibt es Limonada aus den übrig gebliebenen Schalen. Ich bemerke Tinis kritischen Blick, als ich gerade einen Becher davon trinke und meine zu ihr: „Der Refresco ist echt lecker. Hier probier mal!“ und ich strecke ihr meinen Becher entgegen. „Nee danke“, lacht Tini. „Ach komm, ist zwar mit Leitungswasser gemacht, aber da passiert schon nichts“, versuche ich sie zu überreden. „Na das Leitungswasser ist noch das kleinste Übel“, lacht sie und erzählt mir, wie die Limonade gemacht wurde: Die Kinder haben mit ihren mehr dreckigen als sauberen Händchen die Früchte geschält und die Kerne ausgespuckt. Diese Überreste sind dann alle in den Müll geworfen worden und Jhenny hat sich am Nachmittag die Mühe gemacht, alle Schaalen wieder herauszusammeln und ungewaschen in den Mixer geworfen. Wir stellen uns die Situation in Deutschland vor und können nicht mehr aufhören zu lachen… Was für ein Skandal wäre so etwas! Wahrscheinlich stünde das sogar in der Zeitung. Doch auf jeden Fall wäre die Tagesstätte erstmal eine zeitlang unter besonderer hygienischer Aufsicht… „Da ist von jeder Keimsorte ein bisschen was drin“, lache ich und schenke mir noch einen Becher ein. Schließlich muss der Magen ja auch ab und zu ein bisschen herausgefordert werden, sonst würde ihm noch langweilig. 😉

Anfang März bekommen wir endlich eine neue Chefin und zwar eine sehr fähige: Gisela, die ich schon aus dem CEMVA kenne, übernimmt die Leitung des Musuq.
Nach dem etwas chaotischen Februar kommt nun endlich Ordnung ins Haus. Jeden Tag werden verschiedene Aktivitäten festgelegt, an denen die Kinder nach ihren Hausaufgaben teilnehmen: Montag üben die Kinder lesen.

Am Dienstag dürfen sie mit Wasserfarben malen.

Ich gebe mittwochs Nachhilfe in Mathematik und Lena bringt ihnen Grundlegendes in Englisch bei.

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Donnerstags schauen wir mit den Kindern Filme und Freitag dürfen sie sich auf dem nahegelegenen Sportplatz richtig austoben.

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Auch kommt von nun an eine Krankenschwester zu uns ins Projekt, die mit den etwas älteren Kindern über die Pubertät und Sexualität spricht. Die Aufklärungskurse sind von größter Wichtigkeit, denn nur in den seltensten Fällen, werden die Jugendlichen von ihren Eltern aufgeklärt, was leider zu einer sehr hohen Rate an Schwangerschaften vor Abschluss der Schule führt und vor allem für die Mädchen oft ein Ticket in die Armut bedeutet.

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Außerdem können wir endlich wieder mit unserer Frauenfortbildung und den Alphabetisierungskursen für die Mütter fortfahren.

Das Musuq Sunqu läuft Dank Gisela so gut wie noch nie. So schnell kann Chaos in ein funktionierendes Projekt, welches 65 Kinder aus ärmsten Verhältnissen betreut und ihnen ein warmes und reichhaltiges Mittagesssen garantiert, verwandelt werden…