Die jüngste Omi der Welt

Als wir aus Chile zurückkommen, bekomme ich eine Nachricht von Jan, meinem Mitbewohner: „Coco ist schwanger!“ Ich kann es nicht so recht glauben, denn Coco ist eine sehr scheue Katze. Doch tatsächlich… Als wir gegen Mitternacht zu Hause ankommen, ist trotz der schwachen Beleuchtung Cocos dicker Bauch nicht zu übersehen.
Zehn Tage verbringe ich mit ungeduldigem Abtasten ihres Bauches und freue mich jedes Mal, wenn es aus dem Bauch heraus in meine Händen stampft.


Am Abend des 25. Januars ist es endlich soweit!
Ich bin totmüde und will gerade ins Bett gehen. Coco hat es sich wie immer auf meinem Bett gemütlich gemacht. Als ich sie in ihr Nest, das ich ihr eigens für diesen Anlass gebaut habe, heben will, sehe ich auf einmal Blut. Die Wehen treten ein und Coco ist sehr ängstlich. Ich muss sie immer wieder beruhigen. Eine Stunde lang schreit sie immer wieder vor Schmerzen und dann ist es plötzlich soweit: Das erste kleine Kätzchen wird geboren und ich werde mit nur 21 Jahren Großmutter. Natürlich kann ich Coco nicht von ihrem Nest überzeugen und die insgesamt acht Stunden dauernde Geburt der fünf kleinen Kätzchen findet in meinem Bett statt.

Spontan, spontaner, am spontansten…

Bereits in Chile gesteht mir meine Cousine, dass sie in Deutschland ihre Arbeit aufgegeben hat. Etwas überwältigt schlage ich ihr vor, doch einfach noch länger zu bleiben, um in das Leben in Bolivien richtig eintauchen zu können. Wir überlegen hin und her, was es da für Möglichkeiten gäbe…

In Sucre angekommen erkärt uns Frau Hochmann die neuen Pläne für die Casa Weltwärts, in der ich lebe: In das untere Geschoss soll ein Gesundheitszentrum eingerichtet werden. „Die Menschen im Viertel sterben vor ihrer Zeit… Erst letztens wieder eine Mama mit nur 37 Jahren und der Vater wäre auch fast gestorben, wenn ich ihm nicht den Herzschrittmacher bezahlt hätte“, erzählt uns Frau Hochmann. „Das muss sich ändern! Wir brauchen hier ein Krankenhaus, wo man einen Chargastest und andere Basissachen machen kann.“
Jeder vierte Bolivianer ist an Chargas erkrankt. Die Krankheit verläuft Jahre lang ohne Symptome, doch werden nach und nach die Organe und insbesondere das Herz befallen, woran man letzendlich stirbt, wenn es zu keiner Behandlung kommt, was leider sehr häufig der Fall ist.

Um das Minikrankenhaus einrichten zu können, muss das Haus umgebaut werden. Schwuppdiewupp hat Tini eine Arbeit als Architektin. 🙂 Sie bucht ihren Flug auf Ende März um und zieht in die Wohnung direkt gegenüber von meinem Zimmer zu Rebeca, eine Freiwillige, die seit Januar im CEMVA arbeitet.


Wir besteigen einen der beiden Hausberge Sucres, den Berg Churuquella, an dessem Fuße sich das ehemalige Kloster, die Recoleta, befindet.

Natürlich lassen wir uns auch nicht die sonntägliche Wassershow im Parque Bolivar entgehen.


Wir lassen die Stadt hinter uns und wandern zu den Siete Cascadas (Sieben Wasserfälle).

An einem Wochenende fahren wir nach Yotala, eine Kleinstadt in der Nähe Sucres, und wollen dort ins Schwimmbad gehen. Leider wären wir die einzigen Gäste und der Besitzer des kleinen Schwimmbeckens sieht daher keinen Grund, zu öffnen. Also spazieren wir durch das kleine Städtchen und essen auf der Plaza Hamburguesa.


Ich muss nur vormittags arbeiten, denn ich helfe Liz bei den Bewerbungsgesprächen für den Süd-Nord-Austausch. Wir treffen uns fast jeden Tag, um auf dem Mercado Central zu Mittag zu essen.

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An einem Sonntag fahren wir drei Mädels, Rebeca, Tini und ich, nach Tarabuco, ein Dorf in der Umgebung Sucres, und gehen auf dem Markt shoppen.


Zurück in Sucre zeigt uns Rebeca eine deutsche Eisdiele auf der Avenida de las Americas.
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Solange die Schule noch nicht wieder angefangen hat und für uns somit die Arbeit, genießen wir unsere Ferien zu Hause und gönnen uns Eis und Kuchen in den Gringo-Cafés.

An den Wochenenden gehen wir tanzen und genießen das Flair im Berlin.

 

Von Santiago nach Sucre mit meiner Cousine

Ich fahre mit dem Nachtbus nach La Paz, wo ich eine Nacht in El Alto bei Freunden übernachte.

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In der Frühe mache ich mich zum Flughafen in El Alto auf, wo ich in eine chilenische Maschine steige, die mich in die Hauptstadt bringen soll. Währenddessen ich über den Wolken die grenzenlose Freiheit genieße, habe ich viel Zeit nachzudenken. Ich habe in Sucre chaotisches Wirrwarr zurückgelassen und habe die Hoffnung, mit Hilfe der weiten Reise ein bisschen aufräumen zu können.

Die Maschine landet und bei der Einreise nach Chile wird mein komplettes Gepäck durchsucht. Ein Flughafenmitarbeiter ruft: „Blanca, Blanca“ und eine weiße Labradorhündin beschnüffelt meinen Rucksack. Ich werde ein bisschen nervös. In meinem Kopf spielt sich die Assoziation „blanca – weiß – Schnee – Kokain“ ab. Immer wieder erhält der Hund die Anweisung, mein Gepäck zu beschnuppern. Aber wieso sollte in meinem Rucksack Kokain sein? Die Flughafenmitarbeiter fragen mich, ob es auch wirklich mein Gepäck ist. „Ja, es ist mein Rucksack.“ In strengem Ton reden sie auf mich ein und zeigen mir einen Zettel, denn ich vor der Landung unterschrieben habe und auf dem ich garantiere, dass ich weder Drogen noch Waffen mit ins Land einführe. „Kommen Sie mit!“, wird mir streng befohlen. Mit wackeligen Knien folge ich der Frau, die mich am Ausgang vorbei führt. Ich bleibe stehen und würde am liebsten durch diese Tür rennen, hinter der mir meine Cousine euphorisch zuwinkt. Ich bin geschockt: Anderthalb Jahre habe ich sie nicht gesehen und nun kann ich nicht zu ihr.

„Setzen Sie sich hier auf den Stuhl! Gleich werden Sie einer unserer Mitarbeiterinnen vorgeführt, der Sie sich erklären müssen“, wird mir gesagt und ich bleibe allein zurück. „Erklären? Was denn erklären? Hoffentlich ist das alles nur ein Missverständnis!“, beruhige ich mich.

Wieder werde ich aufgefordert, zu folgen und die strenge Flughafenangestellte führt mich in ein Zimmer. „Setzen Sie sich!“ Hinter dem Schreibtisch lächelt mich eine Frau an und hält mir eine Plastiktüte mit Physalis vor die Nase. Ich muss laut lachen vor Erleichterung. Die Physalis hatte ich am Abend vorher in La Paz auf der Straße gekauft und hatte sie dann völlig vergessen. Eigentlich wollte ich sie vor dem Abflug zum Frühstück essen.

„Sie haben verbotenerweise diese Früchte aus Bolivien eingeführt. Ich muss jetzt ihre Aussage aufnehmen“, erklärt mir die Frau. „Ich habe sie einfach vergessen“, lache ich, „ist doch nicht so schlimm oder?“ Daraufhin wird mir lang und breit erklärt, dass es in Bolivien viele gefährliche Keime gibt und dass ich mit diesen kleinen orangenen Früchtchen Seuchen und was weiß ich noch alles hätte auslösen können. Die Situation erscheint mir so lächerlich und ich muss mich zusammenreißen, um nicht laut los zu lachen. Staunend begutachte ich, wie meine Personalien aufgenommen werden und ich einen Zettel nach dem anderen unterschreiben muss. Es wird alles genauestens notiert: 12 Physalis aus La Paz, etwas mehr als 100 Gramm, wahrscheinlich aus keiner bösen Absicht heraus eingeführt… Nachdem ich verspreche, so einen schon fast terroristischen Akt nie wieder zu vollziehen, darf ich mit der Drohung in den Ohren gehen: „Beim nächsten Mal wird es eine große Geldstrafe geben!“. Endlich darf ich die Glastür passieren und mein geliebtes Cousinchen in die Arme nehmen!

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Die Art, wie ich in Chile willkommen geheißen werde, ist nur der Anfang eines gigantischen Kulturschocks, den ich die nächsten dreieinhalb Wochen erlebe.

Tini hat uns bereits ein Hostel im Viertel Bella Vista, dem Szeneviertel von Santiago, reserviert. Schon wieder bin ich geschockt: Die Preise sind vergleichbar mit Europa. Ich rechne immer wieder die Tausenderbeträge in Bolivianos um und denke: „Das kann doch nicht stimmen…“ Nach kurzer Zeit rechne ich einfach gar nichts mehr um und gebe mich geschlagen.

Wir spazieren durch Santiago und ich bleibe immer wieder stehen und staune: „Guck mal Tini, was es hier alles gibt! … Die Hochhäuser, wie krass ist das denn?! … Schau dir die Menschen an! Die sehen aus wie Europäer! … Die Allee dadrüben, schau dir das an, das könnte in Paris sein! … Schau mal, ein Supermarkt! … Oh krass, es gibt so viele verschiedene Sorten Käse. Die muss ich unbedingt probieren! …“

„Du hörst dich an wie ein Ossi vom Dorf, der zum ersten Mal in den Westen fährt“, lacht Tini. Doch genau so fühle ich mich auch. Völlig berauscht wandel ich durch die Straßen und kann kaum glauben, was ich da sehe.

Was für ein gigantisches Trauma der grausame Putsch 1973 im ganzen Land und vor allem in der Hauptstadt zurückgelassen hat, wird mir erst im Laufe einiger Gespräche klar. Wir gehen auf den Friedhof und besuchen Salvador Allendes Grab.

Unser nächstes Ziel heißt Valparaiso. Wir steigen aus dem Bus und es hat mich bereits erwischt. Die Stadt ist so unheimlich schön, ich musste mich einfach in sie verlieben.

 

Wir finden ein kleines Hostel inmitten des Zentrums. Eigentlich ist es kein Hostel sondern eine Wohnung, wo eine junge Frau, Carolina, mit ihrer Tochter in einem Zimmer lebt, und die restlichen Zimmer untervermietet. Wir sind die einzigen Gäste und es ist wunderschön familiär. Ich unterhalte mich viel mit Carolina, die ungefähr zehn Jahre älter ist als ich. Ich erzähle ihr von Bolivien und stelle fest, dass sie gar nicht weiß, in welchen Umständen die Menschen des Nachbarlandes leben. Ich genieße die Gespräche mit ihr sehr. Endlich habe ich mal wieder das Gefühl, mit einem Menschen aus meinem Kulturkreis zu reden, denn ihre Ansichten sind doch sehr weltoffen und modern.

Valparaiso grenzt direkt an Villa del Mar, wo wir am Strand chillen und Tini in den unheimlich großen Wellen des Pazifiks surft.

Wir verschieben unser Abreisedatum immer wieder nach hinten und machen kleine Ausflüge in die nähere Umgebung.

Unseren gemeinsamen Geburtstag – Tini 29 und ich 21 – gehen wir im Nationalpark La Campana wandern.

Für Tini ist es das erste Mal, dass sie in Lateinamerika ist. Im Gegensatz zu mir hat sie keinen Kulturschock erlitten, denn Santiago gleicht einer europäischen Großstadt und Valparaiso ist die Perfektion der Dresdner Neustadt. Doch ist sie auf eine andere Weise geschockt: Ihre Freundin Tina ist bereits nach Südamerika gereist und hat ihr das ein oder andere erzählt:

„Die Früchte sind mega geil und total billig!“ – Wir kaufen eine Melone für unverschämte 2000 Pesos, setzen uns auf eine Treppe und schlachten sie mit dem Taschenmesser. Wir kauen stillschweigend auf dem harten Ding herum, bis Tini plötzlich sagt: „Also das könnte jetzt auch ’ne rohe Kartoffel sein.“

„Überhaupt brauchst du in Südamerika nicht viel Geld. Es ist alles mega billig dort.“ – Fast alles ist genauso teuer wie in Europa, bloß die Lebensmittel… die sind sogar noch teurer.

„Das mit dem Wäschewaschen ist überhaupt kein Problem. Die gibst’e so ’ner Mutti und dann wäscht die dir das für ’nen paar Pesos.“ – Carolina hat eine Waschmaschine. Welch eine Freude! Bloß leider spuckt uns die Maschine die Wäsche noch dreckiger aus als vorher und Tinis weißes T-Shirt ist danach gelb. Am Ende bewährt sich doch wieder die klassische Variante, die Wäsche mit der Hand zu waschen.

Wir kichern immer wieder, wenn wir an Tinas Reiseberichte denken. Sie war ganz sicher nicht in Chile…

Silvester verbringen wir am Pazifikstrand in La Serena, dem südlichsten Anfang der Atacamawüste.

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Am Neujahrestag machen wir einen Ausflug nach Vicuna, wo trotz der unerträglichen Hitze und Trockenheit Wein wächst, aus dem der berühmte Pisco gemacht wird.

Wir laufen ein Stück, doch geben wir die eigentlich geplante Wanderung recht schnell auf und setzen uns in den Schatten neben die Weinreben. Wir schlagen uns den Bauch voll und probieren jede Farbe. Die roten Trauben schmecken am besten. Doch dann kommen plötzlich die Besitzer der Reben. Ich schaffe es, sie in ein nettes Gespräch zu verwickeln, was sie vergessen lässt, dass wir gerade ihre Trauben geklaut haben.

 Abends sitzen wir auf dem Dach des Hostels und schauen in die Sterne. Tini hat Tee gemacht. Ich probiere einen Schluck und mir brennt sofort der ganze Rachenraum. „Was ist denn das für ein Tee? Der ist ja sauscharf!“, frage ich erschrocken. „Achso na ja wir hatten keine Teebeutel mehr und da unten in der Küche lag so eine italienische Kräutermischung…“, gibt Tini kleinlaut zu. „Man kann ja nicht immer intelligent sein!“, lachen wir.

Zurück in La Serena machen wir einen Tagesausflug und sehen Humboldt-Pinguine, Seerobben, Delfine und Waale aus nächster Nähe.

Unser nächstes Vorhaben: Die Durchquerung der Atacamawüste.

1160 Kilometer geht es nun mit dem Bus nach Norden bis wir schließlich in San Pedro de Atacama ankommen.

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In San Pedro bleiben wir insgesamt fünf Tage und erkunden die unglaublichen Landschaften.

Einen Tag lang leihen wir uns Mountainbikes aus. Ein unglaubliches Gefühl der Schwerelosigkeit durchströmt mich: Anderthalb Jahre ist es her, dass ich auf einem Fahrrad saß!

Wie so oft folgt uns ein Hund. Irgendwie scheinen die Hunde zu spühren, dass ich ihnen wohl gesonnen bin und begleiten uns zu meiner großen Freude gerne. Doch einen Hund mit in die Wüste zu nehmen, erscheint uns keine gute Idee. Wir versuchen mit allen Mitteln die zarte Hündin abzuhängen, doch egal, wie schnell wir fahren, sie holt uns immer wieder während der nächsten Pause ein.

Wir lassen die Fahrräder stehen und laufen zu Fuß durchs Valle de la Luna (Tal des Mondes). Es ist unglaublich heiß und keine Wolke am Himmel.

Die Sonne knallt so stark, sodass unsere starke Begleiterin, die wir Luna nennen, nach ein paar Stunden doch die Kräfte verliert. Der Wüstensand ist so heiß, dass sie sich ihre Pfoten verbrennt. Wir geben ihr immer wieder von unseren spärlichen Wasservorräten ab, doch sie wird immer schwächer. Ich erinnere mich plötzlich daran, wie die bolivianischen Frauen ihre Babys tragen und wir bastel mir unverzüglich ein Tragetuch aus meiner Jacke und meinem Schaal, sodass ich unsere liebe Luna nun auf dem Rücken tragen kann.

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Völlig entkräftet und halb verdurstet kommen wir schließlich wieder an dem Ort an, wo wir unsere Fahrräder stehen gelassen haben. Wir schwingen uns auf die Sättel und rasen so schnell wie möglich zum Eingang des Nationalparks, wo wie erstmal jeder einen Liter Wasser trinken.

Ich besteige den Vulkan Lascar (5600 m) allein, denn Tini verträgt die Höhe nicht so gut. Wir sind eine sehr nette Gruppe: Ein französischer Schweitzer, eine Peruanerin, ein Deutscher, ich und unser chilenischer Guide. Wir reden auf auf vier Sprachen gleichzeitig miteinander und haben sehr interessante Gespräche. Der Vulkan ist sehr aktiv an diesem Tag, sodass wir nur bis zum Grater aufsteigen und die letzten 60 Höhenmeter zum Gipfel auslassen.

Wir besichtigen die Rainbow-Mountains und hören dabei ganz laut „La Bicicleta“ von Carlos Vives und Shakira.

Von San Pedro aus überqueren wir die bolivianische Grenze. Ich bin wieder zu Hause! Obwohl mich Chile unheimlich beeindruckt hat und ich vorallem gerne in Valparaiso noch viel länger geblieben wäre, habe ich doch immer wieder Heimweh bekommen und mich auf mein bescheidenes Leben in Sucre gefreut. Der Luxus der westlichen Welt hat mich zugegebenermaßen doch ganz schön überfordert und irgendwie auch genervt. Ich kann mir gar nicht mehr vorstellen, woanders als in Bolivien zu leben… Wie soll das bloß werden, wenn ich am 1. August dieses Jahres gezwungenermaßen in Frankfurt landen werde?!

Wir machen die dreitägige Tour druch die Ausläufe der Atacamawüste und der Salzwüste auf bolivianischer Seite. Im Salar de Uyuni regnet es so stark, sodass wir die Salzwüste mit dem Jeep nicht durchqueren können. Wir machen eine alternative Route und fahren am Morgen des dritten Tages zum Salar de Uyuni, wo das Wasser bis hoch zu den Knöcheln steht. Leider ist es so wolkenverhangen, dass wir den Sonnenaufgang nicht wirklich sehen können und der Spiegelefekt nur schwach zu sehen ist. Es sind trotzdem unglaublich beeindruckende Momente.

Die Straßen Uyunis haben sich in Flüsse verwandelt und selbst der Jeep hat Schwierigkeiten vorwärts zu kommen.

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Von Uyuni aus geht es über Potosí endlich in mein geliebtes Sucre. Wir fahren tagsüber, sodass wir die Landschaft genießen können. Kurz vor Mitternacht kommen wir zu Hause an, wo mich meine Katzen schon freudig begrüßen. Jetzt kann ich meiner Cousine endlich zeigen, wie mein Alltag aussieht und wie ich lebe.

Ausflug aufs Land zum Dia del Voluntario

Zum Tag des Freiwilligen Anfang Dezember haben unsere Koordinatoren einen Ausflug nach Cajamarca, ein Dorf in Sucres Umgebung, organisiert.
Etwas unmotiviert packen Jan und ich unsere Sachen. „Eigentlich würde ich lieber hier rumchillen…“, meint Jan müde. „Es wird bestimmt toll“, versuche ich uns beiden halbherzig einzureden. Doch ich sollte Recht behalten.
Alle Freiwilligen treffen sich am Gascenter und wir stopfen uns zu 20st in einen Kleinbus und auf geht’s nach Cajamarca!
Wir übernachten in einem Holzhaus auf Matratzen und kochen zusammen. Den Abend verbringen wir mit Werwolf spielen.


Am Samstagmorgen stehen wir sehr früh auf und machen uns auf den Weg. Unser eigentlicher Plan: Die Wanderung zu den Incamalereien.
Kurz nachdem wir aufgebrochen sind, fängt es an, zu regnen. Wir ändern zwar die Route, lassen uns aber dennoch nicht unsere Wanderlust nehmen.
Es hagelt so stark, dass der ganze Boden weiß wird. Wir stellen uns in einer Kirche unter und picknicken. In einer Regenpause geht es weiter. Doch will uns der Wettergott nicht verschonen und es fängt bald wieder zu schütten an. Ein Gewitter braut sich über uns zusammen. Wir kraxeln auf ungefähr 4000 Metern, als Blitze und Donner über uns krachen und uns durch die Körper fahren. Einen Moment schrecken wir zusammen. Doch dann rennen wir los – einfach nur runter vom Berg!

Völlig durchnässt und müde vom vielen Flüsse durchwaten kommen wir am späten Nachmittag endlich in einer Ortschaft an. Da es schon sehr spät ist und wir eine relativ große Gruppe sind, will uns kein Bus mitnehmen. Wir setzen uns in die Sonne, um ein wenig zu trocknen, und warten. Irgendwann könnnen wir doch einen Minibus überreden, uns in die Nähe von Cajamarca zu fahren.

Es ist bereits dämmrich geworden und wir laufen noch vier Kilometer in der Dunkelheit durch den Wald.
Hungrig und halb erfroren kommen wir in der Hütte an, wo die Zurückgebliebenen schon heißen Tee und Essen zubereitet haben.  „Schon wieder so ein Abenteuer!“, sagt Jan augenzwinkernd. „Wie hätte es mit uns auch anders werden können?!“
Direkt nach dem Essen fallen wir wie tot ins Bett.
Sonntag schlafen wir aus und packen dann gemütlich unsere Sachen. Wir laufen in das nächst größere Dorf und treffen auf eine Familie, die uns auf der Ladefläche ihres Kleintransporters mit in die Stadt nehmen. So fahren wir halb übereinander gestapelt zurück nach Sucre.

Weiße Räume, weiße Kittel

Judith und ich organisieren gemeinsam mit Marina, der Sozialarbeiterin des SOS Kinderdorfes, eine Gebärmutterhalskrebsvorsorgeuntersuchung für alle unsere Frauen.

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Leider haben drei unserer Mütter kritische Werte und eine muss sogar operiert werden. Die Operation verläuft glücklicherweise ohne Komplikationen.

Mit Jennifer, einem unserer Kinder, gehe ich den ganzen Dezember über immer wieder zu verschiedensten Ärzten, denn sie ist körperlich und geistig behindert. Anfang Januar haben die Nerven aufreibenden Arztbesuche endlich ein Ende und wir halten das Carnet de Discapacidad (Behindertenausweis) in den Händen.

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Auch Maxima muss sich Weihnachten erneut einer Operation unterziehen, die sie Gott sei Dank sehr gut übersteht.

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Mit Efrain und Miriam, den Kindern von Maximas, beim Mittagessen, während wie auf die Ergebnisse der Nachuntersuchungen warten.

Als ich Mitte Januar aus meinem Sommerurlaub zurückkehre, erhalte ich eine traurige Nachricht: Neolinda ist verstorben.

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Sommerliche Adventszeit

Da ich den üblichen Weihnachtsstress und den Zwang, ja eine gemütliche und besinnliche Adventszeit zu genießen, schon seit Jahren nicht besonders mag, ist es mir nur recht, dass in Bolivien die Weihnacht in den Sommer fällt, sodass trotz der überall funkelnden Lichter keine wirkliche Weihnachtsstimmung aufkommt.

 

Weihnachten bedeutet in Bolivien Schuljahresende und der Anfang der langersehnten  Sommerferien.  Es gibt noch einiges zu tun, bis alle in die großen Ferien gehen und so bin ich die meiste Zeit auf Achse.
Dennoch finde ich Zeit in die Kirche zum Weihnachtskonzert zu gehen und endlich mal die Casa de la Libertad, das wichtigste Museum Sucres, wo 1825 die Unabhängigkeit Boliviens von den Spanien unterzeichnet wurde, zu besuchen.

 

Im SOS Kinderdorf werden wie jedes Jahr alle Projekte vorgestellt, die mit der Organisation zusammen arbeiten oder von ihr direkt unterstützt werden.
Letztes Jahr waren wir „nur“ Besucher auf der Veranstaltung… Doch dieses Jahr hat unsere Frauenfortbildung einen eigenen Stand. Unsere Mütter präsentieren stolz ihre Handarbeiten, die sie jeden Mittwoch nach dem Alphabetisierungskurs anfertigen.

 

Den ersten Advent gehe ich in die Kirche. Ich bin zur Erstkommunion von Dario, dem Sohn meiner Kollegin, eingeladen. Da ich noch nie einer solchen Zeremonie beigewohnt habe, bin ich ziemlich neugierig.
Ich hatte mir den Gottesdienst ziemlich langweilig vorgestellt, doch wie ich schnell festelle, habe ich mich gewaltig getäuscht. Es wird gesungen und getanzt, alle Anwesenden sind fröhlich und lächeln. Der junge Pfarrer hat nichts gemeinsam mit dem gruseligen alten strengen Mann in schwarzem Gewand, den ich von den Gottesdiensten aus Kinderzeiten her noch kenne…

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Zum Schuljahresende veranstaltet das Musuq eine Kirmes. Gemeinsam mit den Müttern werden drei verschiedene Gerichte gekocht, die wir verkaufen. Zu unserer großen Freude kommen viele Menschen und essen bei uns zu Mittag. Von den Einnahmen werden Weihnachtsgeschenke für die Kinder gekauft.

Wie auch im letzten Jahr veranstaltet das BKHW einen kleinen Weihnachtsmarkt in der ICBA, dem deutsch-bolivianischen Institut, wo wir unsere Projekte vorstellen. Jedes Projekt hat einen Stand, wo es Weihnachtsschmuck, Grußkarten und andere Dinge verkauft. Die Kinder der Nachmittagsbetreuung, Winay, präsentieren traditionelle Tänze.
Nach anderthalb Jahren habe ich endlich die Möglichkeit, wieder Klavier zu spielen. Mir kommen die Tränen und ich weiß vor Schreck kein einziges Stück mehr. Doch nach und nach erinnern sich meine Finger wieder an die Tastenkombinationen und ich übertöne die schrecklichen Weihnachtsschlager… 😉

„Gott hört nicht zu.“

Noch bevor Profesora Cristina und ich das kleine Krankenhauszimmer betreten, müssen wir uns einen Mundschutz anlegen. Das kleine Körperchen Neolindas ist so schwach, dass jedes noch so kleine Bakterium ihr Leben bedrohen könnte.
Wir treten in das kleine Zimmer, wo nur ein Bett steht. Neolinda liegt darin und schaut auf den Fernseher, den ihr ihre Mutter ins Krankenhaus gebracht hat. Als sie uns bemerkt, betrachten uns ihre müden Augen anteilsnahmslos. Cristina geht auf sie zu und redet liebevoll auf sie ein. Neolindas kleine Äuglein schauen so müde, so resigniert. „Erkennst du mich? Weißt du wer ich bin?“, fragt Cristina das kleine Mädchen. „Nein“, sagt sie schwach. Nachdem Cristina ihr Fotos aus der Vorschule gezeigt hat, erinnert sich Neolinda an ihre Lehrerin und ihre Klassenkameraden.
Cristina hat Trickfilme mitgebracht, worüber sich Neollinda sehr freut, denn sie kann nichts anderes machen als Fernsehen gucken.
Neolindas Mutter ist Tag und Nacht bei ihrer Tochter. Da die Mutter fast nur Quechua spricht, ist die Kommunikation mit den Ärzten sehr erschwert. Sie kann uns nicht mal die genaue Diagnose sagen.


Cristina und ich suchen die Ärzte und finden zum Glück eine Ärztin, die sich Zeit für uns nimmt. Blutkrebs. Sie erzählt uns, dass die vierjährige Neolinda Anfang der Woche die Ärzte gebeten hat, sie sterben zu lassen. „Ich sehe keine Chance für die Kleine“, sagt uns die Ärztin. „Aber wir müssen doch irgendwas tun“, sagt Cristina verzweifelt. „Das Einzige, was Sie tun können, ist Menschen zu finden, die Blut spenden.“
Wieder heißt es Betteln und Bitten. Blutspender zu finden, ist in Bolivien nicht so einfach. Die Menschen haben Angst, da viele nicht wissen, dass es mit keinem Risiko für den Spender verbunden ist.

Samstagnacht schreibt mir Cristina: „Neolinda blutet aus ihrer Nase und ihren Augen“. Sonntagmorgen treffen wir uns erneut im Krankenhaus. Die Ärzte sagen uns, dass die einzige Möglichkeit eine Chemotherapie in Santa Cruz wäre. Uns ist allen klar, dass sie höchstwahrscheinlich diese Therapie nicht überleben würde. Neolindas Pateneltern wollen die Kleine nach Buenas Aires bringen, denn in Argentinien gibt es wesentlich mehr Möglichkeiten als in Bolivien, da es mehr Technologie gibt und die Ärzte eine viel bessere Ausbildung genossen haben. „Die argentinischen Ärzte können eine Knochenmarkstransplantation durchführen“, sagt der Patenonkel mit Tränen in den Augen.
Obwohl ich mich über diesen winzigen Schimmer Hoffnung freue und mich am liebsten daran festhalten würde, wird mir nach kurzer Zeit klar, wie unrealistisch dieses Vorhaben ist. Wir haben nicht mal einen Knochenmarksspender. Die OP würde ungefähr 10 000 $ kosten und die Mutter könnte sich in Buenos Aires noch weniger als hier verständigen, denn in Argentinien spricht wirklich niemand Quechua.

Eine weitere Lehrerin aus dem Kinder des CEMVAs, wo Neolinda vor kurzem noch herumgetollt ist, kommt ins Krankenhaus. Sie betet gemeinsam mit Neolinda und träufelt ihr geweihtes Öl auf die Stirn. Das ist ein Brauch der evangelischen Kirche in Bolivien. Nach dem Gebet sagt Neolinda zu der Profesora: „Meine Mama betet auch immer, aber Gott hört ihr nicht zu.“ Der Lehrerin und mir kommen die Tränen. Es ist unglaublich, wie dieses kleine Mädchen mit der Situation umgeht. Nicht einen Moment lang habe ich das Gefühl, dass sie Angst hat. Sie weiß, dass sie sterben wird und ist trotzdem so kindlich unbesorgt.