Ein Herz für Jhenifer

Jhenifer hat das Syndrom Turner, welches eine genetische Krankheit und unheilbar ist. Die Betroffenen können in den meisten Fällen ein ganz normales Leben führen. Jhenifers Fall ist ein wenig kompliziert, denn sie hört fast nichts und hat einen angeborenen Herzfehler.
Während der vielen Arztbesuche in so gut wie fast allen Krankenhäusern Sucres, sagen uns die Ärzte immer wieder: „Sie muss dringend operiert werden. Jeden Augenblick kann sie tot umfallen.“ ich überlege nicht lange und frage: „Wann können Sie das Kind operieren?“ „Wenn du 10 000 Dollar hast, dann sofort“, lautet die Antwort.

Zusammen mit der Sozialarbeiterin des SOS Kinderdorfes und dem Chef der Welthungerhilfe suchen wir wochenlang nach Möglichkeiten. Ich hatte mich schon fast mit der traurigen Tatsache abgefunden, dass die Operation in den Sternen steht, als wir eine Ärztin aus La Paz ausfindig machen, die Jhenifer kostenlos operieren will.

Einen Monat später nehmen wir die ungewisse Reise in Angriff. Die Mutter, ihr kleines Baby, Miguel, der gerade mal drei Jahre alt ist, Jhenifer und ich.
Die Kinder sind aufgeregt und zählen die Nächte bis zur großen Reise. Juana, Jhenifers Mama, und ich haben Angst. Alles ist völlig unklar: Wie lange wir bleiben müssen, wo wir übernachten können, wie wir die Reise bezahlen und die Frage, die uns am meisten besorgt, wer wird sich um die anderen drei Kinder von Juana in der Zeit kümmern. Der Ehemann von Juana bleibt zwar in Sucre, doch möchte sie ihm die Kinder nicht anvertrauen, da er unverantwortlich und Alkoholiker ist.
Juana und ich können die Nächte vor der Reise kein Auge zudrücken. Ich ärgere mich, dass ich mir schon wieder so eine große Verantwortung aufgehalst habe, aber es gibt kein Zurück und es ist notwendig…
Tausend Gedanken schwirren in meinem Kopf: ‚Was passiert, wenn das Mädchen während der OP stirbt?‘ … ‚In La Paz ist es zu dieser Jahreszeit bitterkalt und die Kinder haben kaum Anziehsachen‘ … ‚Ich kenne die Stadt kaum und sie ist unheimlich groß‘ … ‚Was machen wir, wenn wir den kleinen Miguel im Chaos der Großstadt verlieren? – Er ist so schwer zu bändigen‘ … ‚Was ist, wenn sie uns überfallen? – Ich habe so viel Bargeld dabei‘ …

Am Tag der Reise fügen sich die Sachen wie durch ein Wunder. Das SOS Kinderdorf verspricht uns eine Unterkunft, in der wir erstmal bleiben können.

Am Sonntagabend steige ich mit den drei Kindern und Juana in den Bus. Ich bin erstaunlicherweise völlig ruhig, obwohl ich davon ausgehe, dass alles schief gehen wird…

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Die nächtliche Busfahrt überstehen wir, bis auf einen kleinen Zwischenfall – das Baby muss sich übergeben, gut. Wir steigen aus und finden uns in der hektischen Großstadt nur schwer zurecht. Doch zum Glück sind die Leute in La Paz sehr hilfsbereit und erklären uns, wie wir ans andere Ende der Stadt, wo die Herberge des SOS ist, kommen. Als wir auf den richtigen Bus warten, kommt ein Mann auf uns zu und drückt dem kleinen Miguel einen Peso in die Hand: „Damit du dir etwas Süßes kaufen kannst.“ Juana und mir bleibt der Mund offen stehen. Solche Solidarität sind wir nicht gewöhnt.

Wir fahren fast zwei Stunden immer tiefer ins Tal hinein, bis wir endlich an der südlichen Stadtgrenze von La Paz ankommen.
Franz, der Hausmeister, empfängt uns sehr herzlich. Juana und ich wundern uns schon wieder über so viel Glück: Wir hatten beide mit einem Zimmer, in dem es nur Betten gibt, gerechnet. Stattdessen wird uns eine Ferienwohnung mit Bad, Küche, Wohnzimmer und zwei Schlafzimmern angeboten. Jhenifer ruft begeistert: „Wir holen meine Geschwister nach und bleiben hier für immer! Du wirst mit uns wohnen, Profe!“

Wir legen unsere Sachen ab und machen uns wieder auf eine Weltreise durch das chaotische La Paz. Gott sei Dank gibt es GoogleMaps! Ohne mein Smartphone wäre unser Überleben in La Paz unmöglich…
Wir finden schließlich die Straße, doch nirgends gibt es eine Klinik. Wir fragen herum und die Leute sagen uns, dass die Herzklinik umgezogen sei, aber keiner wisse wohin… ‚Ohje‘, denke ich, ‚was tun wir jetzt?‘
Doch das Glück lässt uns heute nicht im Stich und wir finden die kleine unscheinbare Klinik doch noch. Als wir eintreten, bekomme ich einen Kulturschock: Sie sieht aus, wie eine Kinderarztpraxis in Deutschland – Die Wände sind bunt und im Wartebereich gibt es Spielzeug. Nie zuvor habe ich so etwas in Bolivien gesehen. Die Kinder machen sich begeistert über die Spielsachen her und verwüsten gleich erstmal das Wartezimmer.
Die Sprechstundenhilfe erklärt uns, dass wir warten müssen, denn die Ärztin sei in einer Besprechung. ‚Okay, der Klassiker‘, denke ich und richte mich schon mal darauf ein, einige Stunden mit Warten zu verbringen.
Nach ungefähr fünf Minuten begrüßt uns die Ärztin und winkt uns in ihr Arztzimmer hinein. Ich bin fassungslos. So unkompliziert ging noch nie ein Arztbesuch in Bolivien vonstatten.
Die Ärztin ist sehr freundlich und wirkt sehr kompetent. Sie untersucht Jhenifer lange, bis sie plötzlich die Kleine hinausschickt. Ich bin vorbereitet auf jegliche schrecklichen Nachrichten. Die Ärztin erklärt uns alles in ganz einfachen Worten, sodass Juana und ich auch alles verstehen: Eine der Herzklappen öffnet sich nicht richtig. Die Operation kann über eine Oberschenkelvene realisiert werden. Das heißt, dass Jhenifers Brustkorb nicht geöffnet werden muss. Mir kommen die Tränen vor Erleichterung. Das Risiko der OP ist relativ gering und auch die Erholungszeit danach. „Wir rufen euch an, wenn wir den genauen Termin wissen. Ihr könnt also heute Abend noch zurück nach Sucre fahren“, sagt uns die Ärztin. „Es gibt eine lange Warteliste, aber in eurem Fall werden wir euch vorziehen.“ Juana lacht vor Erleichterung und ich kann nur mit Mühe und Not die Tränen zurückhalten.
Die Ärztin spricht mich plötzlich auf deutsch an. Sie erzählt mir, dass sie die Enkelin jüdischer Flüchtlinge ist und ihren Facharzt in Deutschland gemacht hat.
Als wir die Klinik verlassen, sagt uns die Sprechstundenhilfe: „Eigentlich kostet die Untersuchung 200 Bs. Aber die Ärztin will von euch kein Geld.“ Ich würde ihr am liebsten um den Hals fallen für so viel Solidarität.

Wir gehen auf dem Markt Mittag essen und als hätten wir heute noch nicht genug Nächstenliebe empfangen, tritt plötzlich ein Mann an mich heran und sagt: „Ich möchte dir zehn Pesos für diese arme Frau geben.“ Wieder bleibt uns der Mund offen stehen…

Noch in der selben Nacht fahren wir zurück nach Sucre. Der nette Hausmeister versichert uns, dass er uns beim nächsten Mal wieder in dieser Wohnung unterbringen wird.

Noch nie hatte ich so viel Angst vor einer Reise und doch ist dieser Tag in La Paz einer der schönsten während meiner zweijährigen Arbeit als Freiwillige.

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